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1945 - 1968

Die 23 Nachkriegsjahre im Grauen Haus vor dem Holstentor begannen unter denkbar schlechten Bedigungen: Mit 14 Lehrkräften und etwa 330 Schülern konnte der Unterricht am 2.10.1945 nach fünfmaliger Unterbrechung wieder aufgenommen werden. Das Gebäude war zwar nicht zerstört, hatte aber Bombentreffer erhalten; vor allem die Sammlungsräume waren betroffen. Die Wehrmacht hatte dort Quartier gesucht und etliche Umbauten vorgenommen, das Gestühl war fast ganz abbanden gekommen - und 1945 war vom Staat nichts zu erwarten. Trotzdem begann der Unterricht wieder; er normalisierte sich erst in den 5Oer Jahren.
   Der Beginn des Schuljahres 1951/52 brachte einen bedeutenden Einschnitt mit sich: Künftig sollten unter einem Dach Schüler der Volks-, Mittel- und Oberschule unterrichtet werden. Es sind verschiedene Gründe, die zur Einführung dieses von dem damaligen Schulleiter Th. Wulle vorgelegten CONCORDIA-PLANES geführt haben. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung wanderte aus den zum Teil zerstörten Gebieten der Innenstadt in die Randgebiete Hamburgs. Der Rückgang der Schülerzahl war so erheblich, daß man zum ersten Mal die Frage stellen mußte, ob nicht bei einem Andauern dieser Entwicklung der Fortbestand der Schule gefährdet würde.
   Dabei war von Bedeutung, daß die gesellschaftliche Herkunft der Schüler weitgehende Beachtung fand. "Der Lage vor dem Holstentor - so heißt es in dem Memorandum, das dem Concordia-Plan zugrunde lag - entspricht die soziale Struktur der Schülerschaft. Sie entstammt dem Arbeiter- und Handwerkerstand, dem Stand der kleinen und mittleren Gewerbetreibenden und kaufmännischen Angestellten sowie der unteren und mittleren Beamten. Eine große Zahl von Schülern hat früher die Schule mit der mittleren Reife verlassen und sich kaufmännischen oder technischen Berufen gewidmet." Dieser Schulversuch einer additiven Gesamtschule mußte aber nach zehn Jahren aufgegeben werden. Er ist gescheitert am steten Rückgang der Schülerzahl.
   1959 wurden unter der Leitung von Dr. Wilgalis der wirtschaftswissenschaftliche Zweig und gleichzeitig die Koedukation eingeführt.
   Dieser neue Zweig des Gymnasiums trat gleichberechtigt neben die bestehenden mathematisch-naturwissenschaftlichen und neusprachlichen Züge. Zur Begründung des Schulversuchs schreibt Oberschulrat Dr. Wagner im Mitteilungsblatt der Schulbehörde: "Unsere heutige, durch wirtschaftliche und soziale Strukturwandlungen entscheidend veränderte Welt kann nicht begriffen werden ohne Kenntnis der elementaren ökonomischen und soziologischen Zusammenhänge und Verflechtungen. Wenn Bildung geistige Bewältigung von Wirklichkeiten ist, dürfen wir in unserer Zeit den wirtschaftlichen und sozialen Wertbereich nicht unberücksichtigt lassen."
   Im Rahmen des sechs Wochenstunden umfassenden Kernfaches Wirtschafts- und Soziallehre wurden nun betriebs- und volkswirtschaftliche, rechtliche, politische und soziologische Sachverhalte in den Fächerkanon des Gymnasiums übernommen und mit den traditionellen Lehrfächern verbunden. Das bedeutete für die Albrecht-Thaer-Schule einen weiteren Abschnitt pädagogischer Pionierarbeit.