Zur Geschichte - die Frage der Kontinuität

Festschrift zum 120-jährigen Bestehen des AThs (1993)

Von Dr. D. Stoltenberg (Schulleiter bis 1994)

Die kritische Beschäftigung mit 120 Jahren ATh, davon 25 Jahre in Stellingen, macht deutlich, wie stark historische Prägungen wirken, wie sehr sie daher auch in den Hintergrund (1933-1945) treten oder vielleicht sich auch ganz verlieren können.
   Eine grundlegende Feststellung zuerst:
   Der Umzug nach Stellingen bedeutete einen gewaltigen Einschnitt in der Geschichte der Schule. Zudem: er fiel in das Jahr 1968! Die Ereignisse dieses Jahres und ihre umwälzenden Auswirkungen haben mehr und mehr - besonders auch durch eine neue Lehrergeneration - das Leben der Schule bestimmt und verändert. Die modernen Gebäude - verstreut im Grünen gelegen - sind von denen, die noch im "Grauen Haus vor dem Holstentor" unterrichtet haben, nie richtig angenommen worden.
   Dort befanden sich alle Schüler unter einem Dach. Alle Räume öffneten sich in drei Stockwerken zu dem mit Glas bedeckten Lichthof, einschließlich einer repräsentativen Aula. Von den Galerien schaute man in den großzügig gestalteten Lichthof; dort fand das Adventssingen statt, dort versammelte man sich, dort konnte man über die Klassengrenzen hinweg kommunizieren. In Stellingen gibt es einen solchen Konzentrationspunkt nicht. Die einzelnen Klassentrakte liegen verstreut im Gelände, die Wege sind weit. Und die architektonisch und akustisch (!) mißlungene Pausenhalle ist - wenn überhaupt - nur ein schwacher Ersatz. Vom früher oft beschworenen Albrecht-Thaer-Geist durfte man bald in Stellingen nicht mehr sprechen - er schien sich verflüchtigt zu haben. Im alten Gebäude wurde er noch oft beschworen, wenn auch dort bereits nicht selten mit ironischem Unterton - man gewann Distanz; dann ein Bruch?
   Wäre es da nicht konsequent gewesen, den Namen der Schule zu ändern in: Gymnasium am Wegenkamp?
   Wer war Albrecht Thaer überhaupt? Welche Schule heißt schon nach einem Schulmann, einem früheren Direktor gar? Vor 70 Jahren erhielt sie diesen Namen: THAER-OBERREALSCHULE vor dem Holstentor, bald nach dem Tode Thaers anläßlich der 50 Jahr-Feier - gegen Ende des Krisenjahres 1923.
   Die Hamburger Nachrichten vom 16.10.1923 vermelden u.a.: "Die Oberrealschule vor dem Holstentore veranstaltete in ihrem Festsaal eine schlichte Feier zur Erinnerung an die Eröffnung der ersten Realschule in Hamburg vor dem Holstentore vor 50 Jahren ... Auf dem mit Grün geschmückten Podium waren die Bilder der beiden bedeutenden Leiter der Anstalt, der Professoren Redlich und Thaer aufgestellt. Nach einem Orgelvorspiel ... hielt der Schulleiter Dr. Thedens eine längere Festansprache. ...
   Er führte aus, wie sich aus der Aufklärung heraus die vom Nützlichkeitsgedanken getragene Realschule entwickelte zur Vorbereitung auf das praktische Leben. Nach mancherlei Wandlungen und Kämpfen, und nachdem auch dem wissenschaftlichen Streben mehr Spielraum eingeräumt wurde, sei dann, 1901, wenigstens äußerlich die Gleichberechtigung der Oberrealschule mit dem Gymnasium und Realgymnasium anerkannt ... Die Schule habe zuerst die praktischen Übungen in den naturwissenschaftlichen Fächern eingeführt. Selbsttätigkeit und Anschauung seien besonders in der Oberstufe notwendig. Man gehe von dem Gedanken der Schätzung der jugendlichen Persönlichkeit und der sozialen Solidarität aus."
   In diesen Auszügen klingt an, was die Schule auszeichnete: Unaufdringlichkeit, Betonung der Anschaulichkeit, der praktischen Selbsttätigkeit, die "Schätzung der jugendlichen Persönlichkeit" und die "soziale Solidarität"!
   Die Geschichte der Schule im einzelnen spiegelt einen Gutteil der von Reformbestrebungen gekennzeichneten Entwicklung des "höheren" Schulwesens in Hamburg wieder, vor allem bis zum Jahre 1933. Die Schule war insbesondere unter ihren Direktoren Thaer (1896-1920) und Thedens (1922-1933) an der Neugestaltung führend beteiligt.
   Ihre Geschichte läßt sich in 6 Phasen unterteilen und kann hier nur schlaglichtartig beleuchtet werden. Für die Zeit bis 1968 handelt es sich vor allem um Auszüge aus einer Schulgeschichte von Dr. A. Winter (Schulleiter von 1943 bis 1950) und aus der Festschrift von 1968 zum 90-jährigen Bestehen des Schulgebäudes vor dem Holstentor, das man nun verlassen mußte.
   Dr. A. Winter, 1899 eingeschult, ab 1909 Lehrer an der Schule und ab 1943 bis zu seiner Pensionierung 1949 ihr Schulleiter, hat in 14 Fortsetzungen ab 1942 eine Schulgeschichte geschrieben - zunächst in Feldpostbriefen veröffentlicht, als die Herausgabe von Schulzeitungen verboten war, dann in der Holstentorwarte bis 1950 - also über das Ende des Krieges hinaus - der schweren Neuanfang eingeschlossen. Dieses Werk verdient eine besondere Würdigung.