Seit nunmehr 10 Jahren gehört der Tschechienaustausch zu den festen Bestandteilen unserer Oberstufe. Jedes Jahr fahren ca. 14 Schüler in der 11. Klasse für eine Woche nach Liberec in tschechische Familien und wir begrüßen die Partner anschließend in Hamburg.
Warum gerade Tschechien? Schauen wir zurück: Vor 10 Jahren, ein paar Jahre nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des eisernen Vorhanges, bildeten sich die demokratischen Gesellschaften im Osten und in der Mitte Europas neu und wandten sich den westlichen Demokratien zu, sicherlich mit einigen Ängsten und vielleicht zu großen Hoffnungen. Aber auch wir mussten umdenken, denn mit dem Fall der kommunistischen Regierungen war unsere Nachkriegszeit zu Ende. Der Versöhnung mit dem Westen musste die wohl viel schwierigere Aufgabe einer Versöhnung mit dem Osten folgen, in dem Sinne war die Nachkriegszeit eben nicht zu Ende, denn nirgendwo sind die Spuren des deutschen Verbrechens während der nationalsozialistischen Herrschaft noch so deutlich wie in den Ländern, die so einfach früher für uns der "Ostblock" waren.
Am F:X: Saldy - Gymnasium in Liberec hatte sich die Schulleitung schon früh entschlossen, ihren Schülern die Möglichkeit zu bieten, auch das deutsche Abitur mit dem tschechischen abzulegen, damit ihnen auch eine Studienzukunft im Westen Europas eine weitere Berufschance bietet. Durch Lehrerkontakte kamen wir am Anfang der neunziger Jahre auf die Idee einen Austausch mit dem unbekannten Osten auf den Weg zu bringen. Seitdem verbringen unsere Schüler einmal jährlich spannende Tage mit Einblicken in ungewohnte Lebensverhältnisse und mit einem beeindruckenden Besuch in Theresienstadt, dem Ghetto und Gefangenlager während der verbrecherischen Besetzung der Tschechoslowakei. Darüber hinaus gibt es viele vergnügliche Erlebnisse in der Goldenen Stadt Prag und am Ort des Zusammenflusses von Moldau und Elbe.
Anschließend besuchen uns die tschechischen Schüler und genießen ein von unseren Schülern gestaltetes Projektprogramm in Hamburg.
So ist denn dieser Austausch schon fast Routine geworden. Aber in der Routine erfahren wir zugleich, wie Europa sich wieder verändert: Die historische Vergangenheit in den Köpfen der Schüler verschwindet langsam (Gott sei Dank einerseits, andererseits aber auch leider), die tschechischen und deutschen Schüler werden sich ähnlicher und erkennen gemeinsame Anliegen jenseits politisch forcierter antieuropäischer Ressentiments, die allüberall inzwischen wieder genüsslich gepflegt werden. |